Suppig bis wolkig

Bei Wind und Wetter Wandern am Rande des Vulkankraters.

Heute sollte es also soweit sein: Wir werden den Tongariro Alpine Cross laufen. Einen ganzen Tag lang über schwierigen Windungen auf eine der schönsten Routen in berauschender Szenerie bis rauf zu den Kratern. Dabei passiert man verschiedene Vegetationszonen, Bäche, Quellen und “crazy” Gesteinsformationen. Weiter oben sollten uns mondähnliche Ebenen, rote Vulkanlandschaften, kristallklare Seen und ein fantastischer Ausblick auf die Ebene vor den Vulkanen erwarten.

Wir ahnten nicht annähernd wie der Tag für uns verlaufen würde…

5 Uhr morgens, der Wecker klingelt. Wer mich kennt weiß, dass ich um die Tageszeit ja immer zu Höchstformen auflaufe… Mein Schlaf war unruhig vor lauter Fragen, die in meinem Kopf rumspukten: Werde ich eine 6-8 Stunden lange, alpine Wanderung schaffen? Wird sich das Wetter halten? Werden wir die Krater und Seen auf dem Gipfel erblicken?

Beim Aufstehen kam die erste Ernüchterung: es regnete in Strömen. Außerdem war es nasskalt, die Vulkangipfel versteckten sich hinter grauen Regenwolken und die Landschaft lag unter dicken Nebelschwaden. Unsere sauber zurecht gelegte Ausrüstung legten wir im Halbschlaf an, das Bett war schnell gemacht und auf ging es zum 30-Minuten entfernen Ketetahi-Parkplatz am Fuße der Berge, der unser Zielpunkt nach erfolgreicher Wanderung sein sollte. Wir hatten beide langsam damit gerechnet, dass die Tour abgesagt wird. Da die Betreiber der Shuttles aber erfahrene Einheimische sind, die ihren National Park und die Tücken des Wetters gut kennen, verließen wir uns auf den Fahrer. In einem Affentempo fuhr uns der drollig aussehende, 1,50m-große Lockenkopf zum Startpunkt des Tongariro Alpine Crossing, nahe der Mangatepopo Hütte.

Hier erhielten wir erst einmal einen traditionellen Segen inklusive maorischem Sing-Sang und Sprüchen. Nach einem Foto (“in the case you get lost… so we know for what to search for”) verließ uns unser Fahrer und wir blickten skeptisch, aber hoffnungsvoll in die Richtung des vor uns liegenden Trails. Von Sicht konnte allerdings nicht die Rede sein… Der Weg verschwandt nach 10m im weißen Nichts.

Gut… jetzt gab es kein Zurück. Wir ging es an. 7 Uhr morgens und 19,4 km Nebelsuppe, Nieselregen und Kälte warteten auf zwei mutige Wanderer… Unser Hoffnung auf einen Wetterumschwung weiter ungebrochen.

Die ersten 5 km gingen locker-flockig von der Hand… so richtig gesehen haben wir eigentlich nicht wohin uns der Weg führte und der Lauf hatte ein wenig etwas von Schlafwandeln – aufgrund der frühen Morgenstunde und dem weißen Nebel um uns herum. Uns überholten die ersten anderen Mitbestreiter des Crosswalks, zwar “ill-equipped”, aber mindestens genauso optimistisch was das Wetter betraf wie wir.

Ab Kilometer sechs begann es, knackig zu werden. Hier wurde man auch nochmal darauf hingewiesen, dass nun alpines Gebiet und zugleich die vulkanische Gefahrenzone erreicht ist.

Dunkles Vulkangestein ragte gespenstisch aus den weißen Nebelbänken hervor. Der Niesel entwickelte sich zu Regen (von oben, der Seite und gegen den Rücken), der Wind zog an unserer Regenausrüstung und der Weg führte ab jetzt nur noch bergauf. Wir liefen über lockeres Geröll, unzählige Holzstufen und gesicherte Wegabschnitte. Immer weiter, immer weiter. Mir ging so langsam die Pumpe, ich schnaufte wie ein kleines Walross, mein Puls hämmerte mir in den Ohren, das Buff-Tuch hatte ich mir tief ins Gesicht gezogen. Und es ging nur bergauf. Links-rum bergauf. Rechts-rum bergauf. Meine Oberschenkel und mein Hintern würden nach dem Track brennen wie Feuer, ging mir so durch den Kopf…

Wenn nur Regen und Wind nicht wären. Der Wind hebelte einen zum Teil ganz schön aus der Bahn und wir blieben bei starken Böen einfach stehen, um das Rütteln und Schütteln über uns ergehen zu lassen. An eine Unterhaltung war seit einiger Zeit nicht mehr zu denken, da man selbst sein eigenes Wort nicht mehr hörte. Stattdessen hangelten wir uns Meter für Meter entlang der Wegmarkierungen (Holzfpflöcke mit einem orangen Pfeil am oberen Ende) und versanken in unserer eigenen Gedankenwelt. Wann hört der Regen endlich auf? Ist schon alles so nass. Bei welchem Kilometer sind wir eigentlich? Boah, ich hab Hunger. Ich spüre meine Hände nicht mehr! Ah, klart es da hinten auf?!

Es klarte nicht auf.

Ich zog sogar Handschuhe an, um meinen Wanderstock besser umklammern zu können. Wir versteckten uns kurz hinter einem Felsbrocken, um etwas Bananenbrot und Müsliriegel zu mampfen, wirklichen Schutz gab der aber auch nicht her.

Nach 2,5 Stunden veränderte sich die Farbe des Bodens zu beige-gelblich und eine flache Ebene zeichnete sich vor uns ab (ja, endlich mal flach!). Wir hatten schon lange keinen Kilometer-Anzeiger gesehen und ahnten nicht, dass wir den südlichen Krater erklommen hatten! Ich bemerkte noch so nebenbei “Mensch, laufen wir jetzt wohl durch einen Krater?!” während wir nach dem Erreichen einer Wegmarkierung nach der nächsten Ausschau hielten. Durch den Regen hatte sich der Boden so stark aufgeweicht, dass die nächsten Wegkilometer eher einer Wattwanderung glichen.

Es quietsche und quatschte unter unseren Füßen, die schwarzen Regenhosenbeine verfärbten sich ins Gelbe. In meinem Kopf aber nur: Ey, der South Crater ist nicht weit vom Red Crater! Der Gipfelpunkt liegt nahe!! Freude!!!

Die Freude hielt nicht lange.

Die ersten Wanderer, die auch early bird mit uns gestartet waren (und uns ja überholt hatten *ggrr*) kamen uns nun entgegen?! Keiner von ihnen sagte ein Wort, ihre Gesichter auch von den Strapazen gezeichnet. Sie gingen alle zurück? Eine Gruppe junger Mädels (in nassen Skinny Jeans und fancy Nike Tretern) sprachen uns an. Wir verstanden die Bruchstücke “too windy, can hardly see anything, couldn’t find the markers”. Ach komm… so schlimm wird es schon nicht sein. Nicht so knapp vorm Gipfel!

Wir stapften tapfer weiter… Es regnete mittlerweile nicht mehr, doch der Wind nahm weiter an Schärfe zu. Holla, die Waldfee. Ich fühlte mich wie ein Grashalm im stürmischen Wind und dann auch noch das: der Weg wurde zu einem schmalen Klippenpfad und ging nur noch steil bergauf.  “Rauf krackseln” stand also auch auf unserem Tagesprogramm? Ja, und zwar ohne gesicherten Pfad, ohne Stufen, ohne Sicht, dafür mit den “Northwesterlies” (Wind nach Nord-Westen) als heulende Begleiter. Sie zerrten an uns als wenn sie sagen würden “Lasst es sein, gebt auf, wir rütteln euch bis ihr nicht mehr könnt!” Der Wind spielte mir sogar einen Streich und kreischte so abscheulich, dass ich dachte eine Wanderin vor uns wurde von der Klippe gepustet. Selbst Clemens’ bejahende, zögerliche Antwort auf meine Frage “Das war doch nur der Wind, oder?” überzeugte mich nicht.

Nur die Wanderin selbst, die ich aus einer der Gruppen vor uns in Erinnerung hatte, beruhigte mich – indem sie an uns kurz darauf entgegen kam und bitter enttäuscht den Weg hinunterrutschte. Ojé, die machten auch kehrt? Die Dreiergruppe sagte etwas von zu starkem Wind, sehen tut man auch nicht, der Weg hört praktisch auf. Ein darauf folgendes Ehepaar wiederholte das gerade erfahrene und ergänzte: When the Maori talk about strong winds they mean it, you cannot believe it. It’s too dangerous.

Die Motivation, der Optimismus und die Hoffnung, die wir morgens mit auf den Tongariro brachten, zerschellten nun an seinem Gipfel. … Kilometer haben wir uns hinauf geplagt, um am Red Crater einzusehen: Der Weg ist heute nicht machbar.

Auf einmal wurde für mich der Wind zu einem lauen Lüftchen, die Nässe auf meinem Gesicht verflog und meine brennenden Muskeln machten kurz Pause, da mich jetzt nur bittere Enttäuschung umgab.

Später würde ich mir sagen: Ach komm, im Prinzip hast du doch die ganze Strecke geschafft! Du bist 18 Kilometer bei umtriebigem Wetter auf dem Pass rauf und wieder runter gewandert, bei Sonne kann das doch jeder. Bla, bla, bla. Das war mein kleiner Trost, der mich über den Rest des Tages brachte.

Der Rückweg war zwar weniger anstrengend (und wie das Rückwege so an sich haben, natürlich auch viel kürzer), doch meinem Gesicht konnte man wohl entnehmen, dass ich das alles grad nur sch*** fand. Uns kamen nun “Die Massen” an Wanderern (vor denen Lonely Planet gewarnt hatte) entgegen. Jeder mit demselben Optimismus in den Augen wie wir drei Stunden vor ihnen. Sie dachten alle, we “made it” und fragten uns “Is it getting better?” Doch wir mussten sie leider enttäuschen.

Die Ranger, die uns am unteren Ende des Passes entgegen kamen lächelten uns milde an und sagte nur “good decision”. Das beruhigte mein Gemüt und je näher wie an den Startpunkt zurück kamen, desto entspannter wurde ich wieder. Selbst ein kleines “Das Wandern ist des Müllers Lust” und “Bruder Jakob” gingen mir von den Lippen (Clemens wollte nicht recht im Kanon mitsingen. Tztz.)

Es war 11:50 Uhr als wir am Mangatepopo Parkplatz (dem Startpunkt des Alpine Crosswalks) zurück kamen. Dort standen bereits alle anderen Wanderer, die mit uns gegen 7 Uhr losgezogen waren. Jeder durchnässt, enttäuscht und doch irgendwie alle Sieger. Sie hatten sogar schon ein Shuttle zurück zum Parkplatz organisiert wo auch unser Kermit stand, in das wir gerne mit einstiegen. Der Fahrer lachte sich eins als er uns sah und meinte, er hätte heute niemanden auf den Pass gebracht.

Dieser Tag entwickelte sich also für uns wie vom Loney Planet schon beschrieben: „This is a fair-weather tramp. In poor conditions it is little more than an arduous up-and-down, with only orange-tipped poles to mark the passing of the day.“

Doch wie machten noch das Beste daraus mit einer heißen Dusche, dampfendem Tee, gut gewürztem Lamm-BBQ und ein paar Folgen einer neuen Serie in unserem kuscheligen Kermit auf dem Whakapapa Village Campingplatz.

Einen Trost gab es dann noch: das Wetter wurde nur noch schlechter die nächsten Tage und keiner der Shuttles ist mehr gefahren. Wir hatten wenigstens die Chance, ein wenig alpine Luft zu schnuppern.

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